Würden Sie bitte Ihren Hund anleinen???!!!


Selten führt nur ein einziger Satz zu solcher Aufregung und solchen Wortgefechten wie dieser.

Aber warum?

Der Grund für diese Bitte ist aus meiner Sicht, wie so häufig, in Sorge und Angst begründet. Wenn dich jemand darum bittet deinen Hund anzuleinen, dann weil er weiss oder vermutet, dass sein Hund mit der Nähe eines anderen Hundes nicht klarkommen wird. Vielleicht ist der Hund aufgrund des Alters oder einer Krankheit nicht zu näherem Kontakt gewillt. Vielleicht wird der Hund gleich mit ganzem Gewicht seibernd und keifend in der Leine hängen. Vielleicht wurde der Mensch schon einmal durch eine unklare Situation verletzt. So wenig wie du weisst, was in diesem Menschen vorgeht, weiss er wie du bist oder dein Hund sich verhält. Wie auch immer sich sein Hund also zeigen wird: Fakt ist, keiner will das sein Hund und schonmal gar nicht man selbst in eine unschöne Situation kommt. Keiner will gerne diese Aufregung, den Frust oder die aufkeimende Wut spüren, die entstehen wenn man an diese Bilder denkt.

Und genau aus diesem Grund äussert ein Mensch diese Bitte! Würden Sie bitte Ihren Hund anleinen, damit ich nicht leide!? So betrachtet ist es ja mehr ein Hilferuf als eine Bitte, nur wer will schon gerne rufen: Hey Sie, ich weiss nicht ob ich der Situation mental und körperlich gewachsen bin, könnten Sie mir bitte helfen? Wie sieht denn das aus? Da verlier ich ja grad mein Gesicht.
Also bleibt es bei: Würden Sie bitte Ihren Hund anleinen? ABER, bedeutet eine Bitte nicht einen Wunsch zu äussern und es auch zu akzeptieren, wenn mein Gegenüber meinem Wunsch nicht entsprechen möchte?
Schon irgendwie, denn wenn es nicht so ist dann ist es eine Forderung, die keinen Widerspruch duldet. Und was passiert wenn ein wildfremder Mensch mir gegenüber eine Forderung äussert? Richtig! Im Zweifelsfall mach ich mal grad das Gegenteil.
Heutzutage leben Menschen unter grossem Druck. In allen Bereichen des Alltages wird gefordert. Auf der Arbeit, von der Familie, durch die Nachbarn. Frag dich mal selber wie häufig dich jemand um etwas bittet und tatsächlich nicht eingeschnappt ist, wenn du „Nein“ sagst. Und dann während ich mir meine kleine Auszeit vom Alltag nehme, kommt jemand daher und bittet mich darum, dass ich meinen Hund anleine. Klar kostet es kaum Mühe dieser Bitte nachzukommen, wenn ich nicht eine Forderung hören würde.
Auch jetzt spürt jemand diese Aufregung, den Frust, die aufkeimende Wut, die durch tägliche Forderungen an ihn entstehen. Vielleicht sieht dieser Mensch in dem Moment, den Chef der ihm grad den wohlverdienten Urlaub gestrichen hat oder die Kinder, die anstatt sich über das leckere Abendessen zu freuen einen Ausflug nach McDonalds wollen.

Und ja, es könnte sein, dass dieser Mensch in dem Moment genau so leidet. Und was machen wir wenn wir leiden, natürlich soll unser Gegenüber auch ne Schippe davon abbekommen.
So passiert es, das zwei Hundehalter, die das Gleiche wollten durch ihre eventuell falsche Wahrnehmung nach kurzer Zeit in einem unfreundlichen Austausch stecken.

Berechtigterweise stellt sich die Frage: Wie soll ich nun damit umgehen?

Das ist jedem selbst überlassen. Ich hoffe aber, dass die die nächsten Gedanken dir bei einer guten Entscheidung helfen.

Jedem Menschen passieren Fehler. Jeder schätzt mal eine Situation falsch ein. Sogar Maschinen, die optimal programmiert sind machen auch bei richtiger Handhabung gelegentlich das was sie nicht sollen. Wir sollten es uns, wie auch den Mitmenschen und Mithunden gestatten Fehler zu machen ohne sie dafür strafen zu wollen.

Wir sollten darauf verzichten mit dem sprichwörtlichen Kopf durch die Wand zu wollen. Ich kann es versuchen, aber darf mich nicht wundern, wenn der Kopf dann kaputt ist.

Also äussere ich meine Bitte als Bitte und nicht als Forderung.
Heisst: Ich akzeptiere ein Nein ohne darauf unfreundlich zu reagieren, zu drohen oder wie Rumpelstilzchen auf dem Boden rumzustampfen. Ich überlege mir wer will ich sein, für mich, für meine Umwelt und für meinen Hund.
Ich könnte das Gespräch mit meinem Gegenüber suchen, ich gehe einen anderen Weg, ich laufe in einem anderen Gebiet oder ich schaue einfach mal was passiert, vielleicht ist die Realität nicht so schlimm wie das Bild in meinem Kopf. Egal wie es kommt, auf diese Weise kann ich mir bewusst sein, dass ich mein mögliches getan habe um die Situation positiv zu gestalten.

Aber ich gebe nicht dem Anderen die Schuld daran, dass die Situation nicht so verläuft wie ich es mir gewünscht habe. Dafür bin ich selbst verantwortlich.
Und auch wenn da mal ein Hund angerannt kommt, oder bellt, oder kreischend in der Leine hängt. Nichts ist so wie es scheint. Anstatt Hund und Halter/in verächtlich anzuschnauben sollte ich mir die Frage stellen, ob ich mir sicher bin, dass dieser Mensch heute nur unterwegs ist um mir auf unhöfliche und ignorante Art das Leben schwerer zu machen. Solltest du die Frage mit „Ja“ beantworten, dann frag dich dasselbe gleich nochmals. Während dem genauen Betrachten wird dir der Irrsinn dieser Vermutung bewusst werden und deine Aufregung wird sich in kurzer Zeit in Luft auflösen.